Montag, 18. November 2013

Finanzmarktregulierung und die große Rezession

Mein Journal Article über die Effekte der nationalen Finanzmarktregulierungen auf die Tiefe der "großen Rezessionen" wurde 750 mal downgeloaded (das zugrundliegende Discussion Paper mehr als 750 mal).

Dies möchte ich zum Anlass nehmen, ein paar Gedanken zu dem Thema loszuwerden. Der Ausgangspunkt für das Papier war, dass ich diesen Zusammenhang entdeckte:

Grafik: Finanzreformindex und Wachstumsrate des realen BIP pro Kopf 2008 – 2011
Anmerkungen: Wenn man alle Länder einbezieht, beträgt der Korrelationskoeffizient (P-Wert) nach Bravais- Person -0.6501 (0.0000) und der nach Spearman -0.6366 (0.0000). Werden jedoch nur die 22 entwickelten Länder einbezogen, so erweisen sich die Kennzahlen als insignifikant bei 0.0849 (0.7070) und -0.0423 (0.8518). Bei gleichzeitiger Einbeziehung der entwickelten Länder und Schwellen- und Entwicklungsländer Asiens (51 Beobachtungen), liegen die Kennzahlen jeweils bei -0.8032 (0.0000) und bei -0.7512 (0.0000). Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf Abiadet al. (2008) sowie Weltbank.

Die Grafik zeigt, dass die Länder, die einen besonders hohen Finanzreformindex in den Jahren 2001 bis 2005 hatten, also einen besonders stark liberalisierten nationalen Finanzmarkt, besonders stark von der großen Rezession betroffen waren.

Die Motivation für das Papier besteht nun darin, zu analysieren, inwieweit diese Korrelation erhalten bleibt, wenn man für andere Faktoren kontrolliert bzw. diverse methodische Schwierigkeiten (wie Ausreißer und Nicht-Linearitäten) berücksichtigt.

Im Einzelnen (Quelle):

Die empirische Studie untersucht, welche Auswirkungen die im Jahr 2007 begonnene Finanzkrise auf 88 Länder in Abhängigkeit von deren Finanzmarktregulierung im Durchschnitt hatte. Es zeigt sich, dass die Produktionseinbrüche, die Beschäftigungsverluste und die staatlichen Budgetdefizite umso größer ausfielen, je liberalisierter die Finanzmärkte der Länder waren. Die Ergebnisse sind ein weiterer Beleg dafür, dass im Rahmen der weit verbreiteten Finanzmarktderegulierungen in den Jahrzehnten zuvor entscheidende Fehler gemacht wurden.

Methodisch geht die Untersuchung folgendermaßen vor: das Ausmaß der Deregulierung des jeweiligen nationalen Finanzmarktes wird durch den „Finanzreformindex“ (FRI) von Abiad et al. (2008) gemessen. Dieser deckt den Zeitraum 1973 bis 2005 für 91 Länder ab und umfasst sieben Themenfelder im Bereich Finanzmarktregulierung. Die FRI kann Werte zwischen 0 (stark reguliert) und 21 (vollständig liberalisiert annehmen). In die Analyse geht der Durchschnitt des FRI für die Jahre 2001 bis 2005 ein. Tendenziell weisen einkommensstarke Volkswirtschaften einen höheren FRI auf als Entwicklungs- und Schwellenländer. So haben die USA, Großbritannien, Spanien, Irland, Kanada, Frankreich, Australien und Dänemark einen FRI von 21, d.h. einen vollständig liberalisierten Finanzmarkt. Deutschland weist bspw. nur einen Wert von 19, Japan ist bei 18 und Finnland hat einen Wert von 17. Interessanterweise hat China mit einem Wert von 8,85 den am zweitstärksten regulierten Finanzmarkt der betrachteten Länder; und auch Indien gehört mit einem Wert von 12,4 immer noch zu den stark regulierten Finanzmärkten.  

Die zugrundeliegenden makroökonomischen Daten stammen größtenteils von der Weltbank. Es werden drei Ergebnisvariablen analysiert: (1.) Vierjahres-Wachstumsrate des realen BIP pro Kopf der Jahre 2008 bis 2011, (2.) Dreijahres-Wachstumsrate der Erwerbstätigen­quote der Jahre 2008 bis 2010 sowie (3.) durchschnittliche Staatsbudgetdefizitquote der Jahre 2008 bis 2010. Die Wahl der drei Ergebnisvariablen ergibt sich daraus, dass die Finanzkrise nicht nur in vielen Ländern zu Rezessionen (also Rückgängen des realen BIP) geführt hat, sondern auch zu Arbeitsmarktkrisen und – ggf. nach diversen Bankenrettungen – zu fiskalischen Krisen. Diese drei Variablen werden nun jeweils im Rahmen von Regressionsanalysen durch den FRI sowie durch viele weitere Variablen vor Beginn der Krise (2006) erklärt.

Es zeigt sich, dass der FRI auf alle drei Ergebnisvariablen einen negativen Effekt hatte, d.h. Länder, die stärker liberalisierte Finanzmärkte aufwiesen, waren im Durchschnitt stärker negativ von den Auswirkungen der Finanzkrise in Bezug auf ihr Wachstum, ihren Arbeitsmarkt und ihre Staatsfinanzen betroffen als vergleichbare Länder, die eher regulierte Finanzmärkte aufwiesen. Beispielsweise zeigt sich in Bezug auf die Wachstumsrate des realen BIP, dass ein um eine Einheit höherer FRI im Durchschnitt zu einer jährlichen Wachstumseinbuße von ca. 0,25 Prozentpunkte geführt hat und die jährliche Defizitquote um ca. 0,4 Prozentpunkte erhöht hat. Die Ergebnisse sind wenig sensitiv in Bezug auf die Nutzung unterschiedlicher methodischer Ansätze.

Zwar kann diese Studie nicht die genauen Wirkungsmechanismen aufzeigen, die zu diesen Resultaten geführt haben, recht eindeutig ist jedoch die Feststellung, dass „weniger“ Finanzmarktliberalisierung in den Jahren vor 2007, in vielen Ländern – nicht nur in den USA als dem Ursprung – dazu geführt hätte, dass die individuellen und gesellschaftlichen Kosten der Krise deutlich geringer ausgefallen wären.

Quelle:
Hagen, T. (2013). The Impact of National Financial Regulation on Macroeconomic and Fiscal Performance after the 2007 Financial Shock – Econometric Analyses Based on Cross-Country Data. Economics: The Open-Access, Open-Assessment E-Journal, Vol. 7, 2013-33.