Samstag, 4. Januar 2014

veganomics: Jedes Schwein, das ich nicht esse, wird von einem anderen gegessen?

Ich bin vor 10 Tagen auf eine völlig vegane Ernährung (und Lebensweise) umgestiegen. Dieser Schritt fällt mir nicht schwer, da ich bereits seit meiner frühen Kindheit (aus freiem Willen) Vegetarier bin. Ich trinke seit circa 39 Jahren keine menschliche Muttermilch mehr - nun nehme ich eben auch keine tierliche Muttermilch (der Kuh) mehr zu mir. Ich denke, dass die Argumente, die für eine vegane Lebensweise sprechen, bekannt sein dürften.

Als Veganer (Vegetarierer) ist man vielen mehr oder weniger netten Kritiken seiner Mitmenschen ausgesetzt. Man wird mit Fragen wie "Würdest Du auch dann kein Fleisch essen, wenn Du vom Verhungern bedroht wärest?" konfrontiert.
Meine Antworten lauten dann immer ungefähr folgendermaßen: "In dem Moment, in dem ich mich gezwungen sehen würde, Ratten- oder Hundefleisch zu essen, wäre ich sicherlich auch bereit, Hühner-, Rind- oder Katzenfleisch zu essen."

Im Folgenden möchte ich mich jedoch mit einer (ökonomisch) relevanteren Kritik analytisch auseinandersetzen. Dabei nutze ich sehr einfaches Lehrbuchwissen, sodass jede/jeder die Ausführungen verstehen sollte, die/der im Rahmen eines wirtschafts- oder gesellschaftswissenschaftlichen Studiums schon einmal eine Einführungsveranstaltung in VWL besucht hat.   

Der Milchmarkt bei vollkommen preisunelastischem Angebot 

 

Als relevant empfinde ich die folgende Frage/Kritik, die im Prinzip eine Analogie zum "Grünen Paradoxon" in der Klima-CO2-Vermeidungspolitik herstellt:  
Wird nicht jedes Schwein (jedes Glas Milch), das Du nicht isst (trinkst), von einem anderen Menschen irgendwo auf dem Globus verspeist (getrunken)? Der Konsum tierischer Nahrungsmittel ist ja insbesondere in den Schwellenländern (bspw. China) stark angestiegen.
Wenn die/der Fragende dabei seine ökonomischen Kenntnisse unterstreichen möchte, weist sie/er noch daraufhin, dass dies über den Preismechanismus laufen würde. D.h. jedes nicht-verzerrte Schwein (Milch) führt ceteris paribus zu einem Preisrückgang für Schweinfleisch (Milch), was wiederum Schweinefleisch (Milch) auf dem Weltmarkt (also für die Konsumenten der Welt) relativ billiger macht.

Diese Frage/Kritik ist falsch, da sie auf der impliziten Annahme eines vollkommen preisunelastischen Angebots an tierlichen Nahrungsmitteln beruht. Denn eine solche Annahme würde bedeuten, dass die angebotene Menge (an Fleisch, Milch, Eiern etc.) überhaupt nicht auf Preisänderungen reagiert. Der Weltmarkt für Milch würde dann modelltheoretisch bspw. so aussehen:
  
Abb. 1: Weltmarkt für Milch bei einem (hypothetisch) vollkommen unelastischen Angebot
Bei einer Situation wie in Abb. 1 würde ausgehend von einem Gleichgewicht mit einem Preis P1 und einer Menge Q1 eine Reduktion der Nachfrage nach Milch symbolisiert durch eine Linksverschiebung der Nachfragekurve von D1 auf D2 (bspw. durch einer Erhöhung der Anzahl der vegan lebenden Menschen) nur eine Preissenkung auf den Preis P2 erzeugen. Die verkaufte (konsumierte) Menge an Milch würde jedoch konstant bei Q1 bleiben. Der Umsatz der Milchproduzenten würde sich jedoch reduzieren (von P1 x Q1 auf P2 x Q1). Abb. 1 entspricht der oben zitierten Frage/Kritik.

Der Milchmarkt bei preisunelastischem Angebot

 

Es ist jedoch falsch anzunehmen, das Angebot an Milch (und anderen tierlichen Produkten) sei vollkommen preisunelastisch. Schon der gesunde Menschenverstand lässt einen zum Ergebnis kommen, dass einige Landwirte auf eine Preisreduktion bei tierlichen Produkten reagieren, indem sie bspw. die Produktion reduzieren, auf andere tierliche Produkte (Hühner, Schweine etc.) umsatteln, auf pflanzliche Produkte umsteigen oder ihren Job ganz an den Nagel hängen.
Empirische Schätzungen – siehe bspw. die Datenbank des „Food and Agricultural Policy Research Institute“ der Universität Iowa – weisen darauf hin, dass das Angebot an flüssiger Milch (nicht Milchprodukte generell) in der EU mit 0,13 relativ preisunelastisch ist. Nach dieser Schätzung würde eine Senkung des Milchpreises (bspw. aufgrund einer gesunkenen Nachfrage) um ein Prozent die angebotene Menge an flüssiger Milch um 0,13 Prozent reduzieren. Zudem gehen diese Schätzungen davon aus, dass auch die Preiselastizität der Nachfrage in der EU relativ gering ist (-0,06), d.h. Konsumenten reagieren nur sehr wenig auf Preisänderungen bei Milch. Modellhaft könnte man dies folgendermaßen darstellen:
Abb. 2: Weltmarkt für Milch bei einem unelastischen Angebot
Abb. 2 zeigt nun, dass eine Reduktion der Nachfrage (D1 auf D2) bei einer "normal verlaufenden" Angebotskurve nicht nur zu einer Preisreduktion auf P2, sondern auch zu einer Mengenreduktion auf Q2 führen würde. Der Umsatz der Milchproduzenten würde sich deutlich reduzieren (von P1 x Q1 auf P2 x Q2).  

Der Gesamtmarkt für tierliche Produkte weist langfristig ein preiselastisches Angebot auf

 

Die Analyse oben hat isoliert Milch betrachtet. Wenn der Preis für flüssige Milch sinkt, können die Produzenten reagieren, indem sie Joghurt, Käse, Rindfleisch, Eier oder Hühner (etc.) "produzieren". Wenn man nun den aggregierten Markt für alle tierlichen Produkte betrachtet und annimmt, dass der Preis aller tierlichen Produkten gleichmäßig (bspw. um 10%) zurückgehen würde (da mehr Menschen vegan leben), dann existieren diese alternativen Produktionsmöglichkeiten nicht mehr. Die Alternativen der Landwirte zur Produktion von tierlichen Produkten bestehen dann nur noch in der Produktion pflanzlicher Produktion (ggf. auch für Bio-Sprit) sowie in der Job-Aufgabe. Dies bedeutet zunächst, dass die Preiselastizität des Angebots niedriger sein dürfte. Wenn man aber auf der anderen Seite eine längerfristige Perspektive einnimmt, dann kann man nach meiner Auffassung aber sehr wohl von einem preiselastischen Angebot (also einer höheren Elastizität) ausgehen, d.h. eine Preissenkung bei tierlichen Produkten um ein Prozent führt ceteris paribus zu einer Senkung der angebotenen Mengen von mehr als einem Prozent nach bspw. 10 Jahren. "Langfristigkeit" ist hier deshalb relevant, da es offensichtlich Zeit dauert, bis ein Produzent von einem tierlichen Produkt auf ein pflanzliches Produkt umgestiegen ist. (Ein fast allgemeingültiges Ergebnis in der Mikroökonomik lautet, dass Preiselastizitäten umso höher sind je länger der betrachtete Zeitraum ist, d.h. "innerhalb von 10 Jahren" anstatt "innerhalb eines Jahres").

Ein einfaches Modell könnte nun folgendermaßen aussehen:
Abb. 3: Weltmarkt für tierliche Produkte in langfristiger Betrachtung
Abb. 3 zeigt, dass unter solchen (von mir als realistisch eingeschätzten) Bedingungen eine Nachfragereduktion eine deutliche Mengenreduktion auf Q2 zur Folge hätte. 
Um die Frage/Kritik von oben zu beantworten: Fast jedes Schwein, das ich nicht verspeise, wird auch von niemand anderem verspeist werden. Oder: Wenn ein Mensch in Deutschland sich dazu entschließt, 10 kg weniger Fleisch zu konsumieren, werden weltweit fast 10 kg weniger Fleisch produziert und konsumiert werden.  
Das "fast" liegt an der Preissenkung, die durch die Nachfragereduktion induziert wird. Solange das Angebot nicht vollkommen elastisch ist (was es definitiv nicht ist), muss dieses "fast" genannt werden, wenn man wissenschaftlich serös argumentierten möchte.
   

Vegan leben: Essen die Menschen in den reichen Ländern dann nicht den Menschen in den armen Ländern die pflanzliche Nahrung weg?

 

OK, die Frage ist zugegebenermaßen etwas sehr simpel. Aber auf so etwas könnte man ja kommen. Also: Da Veganer keine Milch, Eier und Fleisch mehr zu sich nehmen, brauchen sie mehr Getreide, Gemüse und Soja, welches sie wiederum den Menschen in den armen Ländern "wegessen".

Dazu ein paar Zahlen, die genau auf das Gegenteil hinweisen dürften (ich habe die Zahlen nicht weiter geprüft; Quelle):
  • Ca. 50% der weltweiten Getreideernte und 90% der weltweiten Sojaernte werden an Tiere der Fleisch- und Milchindustrie verfüttert. 
  • Für die Erzeugung von nur 1 kg Fleisch sind je nach Tierart bis zu 16 kg pflanzlicher Nahrung und 10 bis 20 Tonnen (10.000 – 20.000 Liter) Wasser notwendig. 
  • Tiere fressen offenbar deutlich mehr Protein als sie in Form von Nahrungsmitteln dann dem Menschen zur Verfügung stellen.   
Die Produktion von tierlichen Nahrungsmitteln gilt in Bezug auf die Boden- und Wasser-Nutzung im Vergleich zur Produktion planzlicher Nahrungsmittel also als ineffizient. Auf dieses Ergebnis kommen tendenziell auch modellgestützte quantitativ-ökonomische Analysen wie Lusk und Norwood (2009), wobei die letzt genannten Autoren betonen, dass man berücksichtigen müsse, dass pflanzliche Nahrung oftmals kostenträchtiger weiterverarbeitet werde als tierliche Nahrungsmittel. Eine weitere Kritik an der Aussage zur Ineffizienz der tierlichen Nahrung ist der Hinweis, nicht alle bisherigen Flächen für die Tierhaltung ließen sich in Anbauflächen für pflanzliche Nahrung unwandeln. 

Unterm Strich bestreitet wohl trotzdem niemand ernsthaft, dass eine Reduktion des Konsums tierlicher Produkte mit einem Rückgang (und nicht einem Anstieg) der Nachfrage nach pflanzlichen Produkten (Lebensmittel für Menschen plus Futtermittel für Tiere) einhergehen würde. Nach meiner Auffassung ließe sich der Weltmarkt für pflanzliche Nahrungsmittel folgendermaßen darstellen, wobei sich die Kurvenverschiebungen aus dem Übergang auf vegane Lebensweise eines Teils der Menschen ergeben würde:
Abb. 4: Weltmarkt für pflanzliche Nahrungsmittel in langfristiger Betrachtung
Die Nachfrage in Abb. 4 verschiebt sich nach links von D1 auf D2, weil weniger Futtermittel benötigt werden, da ein Teil der Menschen zu veganer Lebensweise übergeht. Alleine dies würde bereits den Preis senken (und pflanzliche Nahrung für arme Menschen erschwinglicher machen). Hinzu kommt aber der Effekt, dass bisherige Produzenten tierlicher Produkte teilweise umsteigen auf pflanzliche Produkte und Weideflächen zum Teil in Anbauflächen umgewandelt werden könnten. Dies lässt sich als eine zusätzliche Rechtsverschiebung der Angebotskurve von S1 auf S2 symbolisieren, was den Preis weiter senkt (insgesamt auf P2). 
In jedem Fall kommt es auch für die Produzenten von pflanzlichen Produkten zu deutlichen Umsatzeinbußen (von P1 x Q1 auf P2 x Q2), da durch den Umstieg auf vegane Lebensweise sowohl der Preis als auch die produzierte und konsumierte Menge pflanzlicher Produkte sinkt.

Schlussfolgerungen


  • Jede Reduktion des Konsums tierlicher Lebensmittel wie Fleisch, Milch und Eier in Deutschland reduziert auch die weltweite Produktion und den weltweiten Konsum dieser Lebensmittel in fast dem gleichen Umfang.
  • Jede Reduktion des Konsums tierlicher Lebensmittel führt zu einer Senkung der Preise pflanzlicher Lebensmittel, wodurch vor allem arme Menschen weltweit profitieren dürften. Dann gilt: „Die Tiere der Reichen essen weniger als zuvor das Brot der Armen“. Wahrscheinlich führt eine Reduktion des Konsums tierlicher Lebensmittel auch zu einer geringeren Produktion pflanzlicher Produkte (Lebensmittel für Menschen plus Futtermittel für Tiere) und somit weniger landwirtschaftlich genutzter Fläche. 
  • In jedem Fall führt eine Reduktion des Konsums tierlicher Lebensmittel zu einem Umsatzrückgang der Landwirtschaft und zwar sowohl im Bereich tierlicher als auch pflanzlicher Produkte. Die Kampagnen der Lebensmittel- und Landwirtschaftsindustrie deuten darauf hin, dass man sich dort der Bedrohung durch das Gespenst "Veganismus" durchaus bewusst ist.   

Insgesamt fällt auf, dass es deutlich zu wenig ökonomische Studien zum Thema Veganismus gibt. Wenn ich die Zeit finde, werde ich mich intensiver diesem Thema widmen.