Montag, 17. Februar 2014

Was hat vegane Lebensweise mit Google+ und was hat omnivore Ernährung mit "QWERT" zu tun? Die individuelle Entscheidung für oder gegen Veganismus aus mikroökonomischer Perspektive

In einem früheren Beitrag habe ich darauf hingewiesen, dass die vegane Lebensweise zumindest in den reichen Ländern ein sehr seltenes Phänomen ist. In letzter Zeit habe ich viele Gespräche geführt, in denen wir uns über mögliche Gründe Gedanken gemacht haben. Wenn doch gesundheitliche, ethische, klima- und umweltpolitische sowie tier- und menschenrechtliche Gründe ziemlich offensichtlich dafür sprechen, warum entscheiden sich bisher so wenige Menschen für eine vegane oder zumindest eine vegetarische Lebensweise?

Meine (unvollständige) Antwort darauf: Die Ernährungs- bzw. Lebensweise (also vegan versus omnivor) hat nach meiner Auffassung Eigenschaften eines sogenannten Netzwerkgutes. Klassische Beispiele für Netzwerkgüter sind Telefone und Facebook-Accounts (Fax-Geräte, Software-Standards usw.; ganz allgemein technische Standards). Wenn man der einzige Mensch auf dieser Welt ist, der ein Telefon oder ein Facebook-Account besitzt, dann stiften einem diese Güter nur einen sehr geringen individuellen Nutzen. Wenn es dagegen ein paar mehr Konsumenten dieser Güter gibt, dann steigt der Nutzen des Telefons bzw. des Facebook-Accounts. Allgemein zeichnen sich Netzwerkgüter dadurch aus, dass jeder Konsument auf die anderen Konsumenten einen positiven (externen Netzwerk-) Effekt hat. Netzwerkgüter werden also umso nutzenstiftender und damit wertvoller für ihre Konsumenten, je mehr Konsumenten es gibt (man denke wieder an das Telefon, das Facebook-Account sowie das Fax-Gerät).

Was hat das nun mit der Ernährungs- bzw. Lebensweise (vegan versus omnivor) zu tun?
In meinem letzten Post habe ich aus einer empirischen Studie zitiert, in der Gründe für das Beenden der vegetarischen Lebensweise erhoben wurden. Wichtige Gründe für das Ende der vegetarischen Lebensweise waren die damit verbundenen Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen und Sozialkontakten. Mit anderen Worten: Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme und zwar in allen Kulturen dieser Welt. Beim Essen werden Heiratsanträge und Geschäfte gemacht, Feste gefeiert, Todesfälle betrauert, Geburten gefeiert, Koalitionsverträge verhandelt, Kontakte und Traditionen gepflegt, Teamgeist gestärkt, Betriebsfriede gefördert etc. pp. Wie ergeht es einem "einsamen" Veganer auf einer Hochzeitsfeier, bei der traditionelle Speisen gereicht werden? Nicht so richtig gut. Die eigene Lebensweise scheint nicht kompatibel zu der Veranstaltung zu sein. Wenn da noch ein zweiter Veganer ist, kann man sich wenigstens über die Schlechtigkeit der Welt austauschen..... Und wenn noch 10 weitere Veganer anwesend sind, dann gibt es mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch die vegane Alternative beim Essen und man wird nicht einmal mehr schief von den Menschen, die die omnivore Ernährung gewählt haben, angeschaut. Ähnlich: Bin ich der erste Veganer, der jemals in einem Restaurant / Kantine / Mensa nach entsprechenden Speisen gefragt hat, werde ich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein wenig erquickliches Erlebnis haben. Wenn dagegen Veganer häufig dieses Restaurant / diese Kantine / Mensa aufsuchen, werde ich mehr Erfolg haben. Kurz: Mit jedem zusätzlichen Veganer wird die vegane Lebensweise leichter. Oder: Veganer haben gegenseitig positive Netzwerkeffekte aufeinander.
Dies haben Ominvoren auch -- sie sind es jedoch (wenn sie nicht durch Krankheiten oder Unverträglichkeiten eingeschränkt sind) in reichen Ländern gewohnt, bei allen Gelegenheiten und an allen Orten alles essen zu können. Und dies liegt schlicht daran, dass es derer so viele gibt. Auch die Omnivoren haben gegenseitig positive Netzwerkeffekte, diese sind aber so selbstverständlich, dass sie nicht wahrgenommen werden. 
Bis vor kurzem war die Entscheidung für einen veganen Lebensstil (statt einem omnivoren) ungefähr so spaßig, wie die Entscheidung mit Google+ statt mit Facebook, seine sozialen Kontakte zu pflegen. (Google+ ist ein soziales Netzwerk und Googles - wohl gescheiterter (?) - Versuch, Facebook Konkurrenz zu machen). Man war garantiert etwas Besonderes, hatte aber bei allen möglichen Gelegenheiten, bei dem der soziale Aspekt der gemeinsamen Mahlzeit im Vordergrund stand, ein Problem. Zudem war das Einkaufen schwieriger und zeitraubender.

Bisher sind meine Ausführungen zugebenermaßen recht trivial:
Google+ ist nutzlos, weil alle meine Freunde bei Facebook sind.
Als Veganer ist das Leben schwer, wenn alle anderen Omnivoren sind.


Die Theorie der Netzwerkgüter liefert aber noch ein paar interessante Erkenntnisse zu der eingangs gestellten Frage (siehe bspw. Varian und Repcheck (2010). Intermediate microeconomics). Bevor ich loslege, möchte ich nochmals betonen, dass ich nur einen speziellen Aspekt der (veganen versus omnivoren) Lebensweise herausgreife, wenn ich behaupte, dass die Lebensweise ein Netzwerkgut sei.

Erstens, die Existenz von Netzwerkeffekten kann zu einer Pfadabhängigkeit bzw. sogenannten Lock-in-Effekten führen. Auch wenn Google+ technologisch besser sein mag als Facebook, wir verwenden Facebook, weil es alle tun. Eine schöne Geschichte, die in keiner Einführung in das Thema Netzwerkteffekte fehlt, geht folgendermaßen: Werfen Sie einen Blick auf Ihre PC- oder Smartphone-Tastatur. Was sehen Sie? Sie sehen "QWERTZUIOP". Diese Tastaturbelegung war ursprünglich vom Erfinder der Schreibmaschine gewählt worden, um technische Probleme der Schreibmaschine auszugleichen (die Mechanik "verharkte" sich). Diese technischen Mängel gibt es bei Ihrer Tastatur hoffentlich nicht mehr. Sinnvoll wäre es ja gewesen, irgendwann mal eine ergonomisch-optimierte Tastaturbelegung auf den Markt zu bringen. Das ist nicht passiert bzw. entsprechende Versuche sind kläglich gescheitert. Deshalb tippen nun Milliarden von Nutzern seit Generationen auf einer ergonomisch sub-optimalen Tastaturbelegung. Jedes Kind erlernt das Schreiben auf der QWERT-Tastatur, weil um das Jahr 1870 ein Patent für eine mechanische QWERT-Schreibmaschine angemeldet wurde. Ein historischer Zufall determiniert einen Pfad, von dem man offensichtlich nicht herunter kommt.
Fast jedes Kind erlernt, noch bevor es das erste Lebensjahr abgeschlossen hat, die omnivore Lebensweise. Das ist die Lebensweise, mit dem das Kind zwar nicht am "besten", aber am kompatibelsten durchs Leben kommt. Omnivore Ernährung ist QWERT. Vegane Lebensweise ist die ergonomisch-optimierte Tastatur, die der QWERT-Tastatur (ethisch, gesundheitlich, umwelt- und klimapolitisch, menschen- und tierrechtlich) weit überlegen ist, die jedoch bis vor kurzem nicht so recht in die Welt passte.

Zweitens, erklären Netzwerkeffekte, warum sich in Großstädten höhere Anteile an Veganern beobachten lassen als auf dem Land. Aufgrund der höheren Bevölkerungsdichte sind vegane Einkaufsmöglichkeiten und Restaurants rentabler, was wiederum den veganen Lebensstil erleichtert. Veganer haben hier positive Effekte aufeinander, schlicht schon dadurch, dass sie einkaufen gehen.  

Drittens, die Existenz von Netzwerkeffekten kann dazu führen, dass die Anzahl der Konsumenten (hier Menschen mit veganem Lebensstil) zunächst für lange Zeit nur sehr langsam wächst. Die Tatsache, dass die Anzahl der Konsumenten überhaupt wächst, könnte durch sinkende Preise oder Änderungen der Präferenzen verursacht sein. Wenn dann aber die sogenannte kritische Masse erreicht wird, dann steigt die Anzahl auf einmal explosionsartig stark an. Um dies zu verdeutlichen, wird in entsprechenden Lehrbüchern der Markt für Fax-Geräte dargestellt: Hier sieht man, dass die Anzahl der verkauften Fax-Geräte bis zum Jahr 1986 relativ langsam wächst, um dann explosionsartig zuzunehmen. Offenbar wurde mit dem Jahr 1986 die kritische Masse erreicht -- auf einmal gab es so viele Fax-Gerät-Nutzer, dass sich diese Technologie für "Jedermann" lohnte.
Anzahl verkaufter Fax-Geräte (in tausend)
Quelle: Shapiro, C. and H. R. Varian (1998), Network Effects, University of California, Berkeley, S. 6.
Im Moment erleben wir, dass vegane Ernährung modern zu sein scheint. Es gibt tolle Kochbücher, Radiosendung, Zeitungs- und TV-Berichte zu dem Thema. Vegane Menschen vernetzen sich, um die positiven Netzwerkeffekte zu nutzen. Vegane Restaurants und Supermärkte eröffnen. Die vegane Lebensweise wird leichter.
Wird das Jahr 2014 für den Veganismus das, was das Jahr 1986 für das Fax-Gerät war? Erreichen wir gerade die kritische Masse, die einen deutlichen Anstieg ermöglicht?

Fazit
  • Die Lebensweise (vegan versus omnivor) weist Eigenschaften eines Netzwerkgutes auf. Das bedeutet, dass der individuelle Nutzen aus dieser Lebensweise mit der Anzahl der Personen steigt, die die gleiche Lebensweise pflegen.
  • Typisch für Netzwerkgüter ist die sogenannte Pfadabhängigkeit bzw. sogenannte Lock-in-Effekte. Diese führen dazu, dass Gesellschaften in alten sub-optimalen Standards wie der QWERT-Tastatur oder der omnivoren Ernährung verharren.
  • Typisch für Netzwerkgüter ist zudem, dass zunächst eine kritische Masse (also eine bestimmte Anzahl Konsumenten) erreicht sein muss, bevor man einen spürbaren Anstieg der Konsumenten beobachten kann. Dann jedoch erfolgt der Anstieg oft -- wie bspw. beim Fax-Gerät oder bei den Facebook-Accounts -- mit einer deutlich höheren Steigerungsrate als zuvor. Der momentane "Vegan Hype" könnte die Konsumentenzahl in Richtung kritischer Masse verschieben.
  • Netzwerkeffekte sind ein möglicher Erklärungsansatz unter vielen für die individuelle Entscheidung des veganen Lebensstils. Soweit ich weiss, wurden diese bisher noch nie als Erklärungsansatz herangezogen. Netzwerkeffekte wurden aber schon als ökonomische Erklärung für das Entstehen von Konventionen genutzt.   

Quellen:
David, P. A. (1985). Clio and the Economics of QWERTY. American Economic Review 75(2), 332-337.
Hagen, T. (2014). Wie viele Vegetarier und Veganer gibt es auf der Welt? Wie wird sich deren Zahl in Zukunft entwickeln?, Blog Evidenzbasierte Wirtschaftspolitik, 6.2.2014.
Haric, P. Netzwerkgüter, Gabler Wirtschaftslexikon, Springer Gabler Verlag (Herausgeber), online im Internet: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/136787/netzwerkgueter-v6.html
Shapiro, C. and H. R. Varian (1998), Network Effects, University of California, Berkeley.
Varian, H. R., & Repcheck, J. (2010). Intermediate microeconomics: a modern approach (Vol. 6). New York, NY: WW Norton & Company.
Young, H. P. (1996). The economics of convention. Journal of Economic Perspectives 10(2), 105-122.