Donnerstag, 6. Februar 2014

Wie viele Vegetarier und Veganer gibt es auf der Welt? Wie wird sich deren Zahl in Zukunft entwickeln?

Die Produktion und der Konsum tierlicher Lebensmittel ist im Gegensatz zum vegetarischen und  veganen Lebensstil mit einer Reihe negativer Effekte verbunden. Tierliche Lebensmittel tragen zum Treibhauseffekt und somit zum Kimawandel bei. Beispielsweise sind Wiederkäuer (Rinder, Schafe, Ziegen) wichtige "Produzenten" von Methan, welches nach CO2 das wichtigste Treibhausgas ist. Für die Schaffung von Weideflächen für Tiere und Anbauflächen für Futtermittel, werden Wälder gerodet, die wiederum langfristig für die Photosynthese fehlen.  
Wenn also vegane oder zumindest vegetarische Ernährung ein "klimapolitisches Instrument" ist, stellen sich zwei Fragen: (1.) Wie viele Vegetarier und Veganer gibt es überhaupt auf der Welt sowie im internationalen Ländervergleich? (2.) Wie wird sich deren Anzahl gemäß Status-Quo-Prognose weiterentwickeln?

Anzahl der Vegetarier und Veganer im internationalen Vergleich

Nach meinem Wissen gibt es nur wenig verlässliche und meist nur "inoffizielle" Quellen zu dieser Frage. Siehe dazu bspw. den englischsprachigen Wikipedia-Eintrag zu Veganism. Umso mehr habe ich mich gefreut, das Paper  Leahy, Lyons und Tol (2010). An estimate of the number of vegetarians in the world. ESRI working paper No. 340 gefunden zu haben.
Hier werden international vergleichbare Zahlen für 29 Länder publiziert. Die vorgestellten Daten basieren (meist) auf Konsumentenbefragungen der nationalen statischen Ämter. Als Vegetarier oder Veganer wurden Haushalte gezählt, die meist in einer Zeitperiode von zwei Wochen keinerlei Fleisch und Fisch (Vegetarier) bzw. keinerlei tierliche Produkte (Veganer) konsumierten. Die methodische Schwierigkeit besteht nun darin, dass es sich bei Konsumentenbefragungen immer um Haushaltsbefragungen handelt. Es lässt sich zwar leicht feststellen, welcher Anteil an Haushalten in einem Land vegetarisch oder vegan lebt, schwieriger ist jedoch die Hochrechnung auf den Anteil der Personen in einem Land. So besteht bspw. ein durchschnittlicher Haushalt in Deutschland aus zwei Personen. Offensichtlich wäre es aber eine zu starke Vereinfachung anzunehmen, dass auch Vegetarier- und Veganer-Haushalte aus zwei vegetarisch- oder vegan-lebenden Personen bestünden (wahrscheinlich sind es weniger). Leider schätzen Leahy, Lyons und Tol (2010) nur die Personenzahl für Vegetarier inkl. Presketarier (d.h. solchen "Vegetariern", die Fisch essen) und nicht die Personen für Vegetarier (ohne Fisch) und Veganer. Zudem ist die Personenberechnung nicht für alle Länder möglich - auch nicht für Deutschland.
In der unten stehenden Tabelle habe ich in schwarzer Farbe die prozentualen Anteile von Vegetarier- und Veganer-Haushalten an allen Haushalten gemäß der Schätzungen von  Leahy, Lyons und Tol (2010) dargestellt. Dabei habe ich - soweit verfügbar - immer die aktuellste und die älteste Angabe pro Land dargestellt. Darüber hinaus habe ich in blauer Farbe eine eigene sehr grobe Hochrechnung für den Personenanteil der Vegetarier und Veganer vorgenommen, wobei ich (stark vereinfachend) unterstelle, dass Vegetarier- und Veganer-Haushalte die selbe Personenzahl aufweisen, wie die Vegetarier-mit-Fisch-Haushalte. Meine Hochrechnungen (blau) sollten wirklich nur als grobe Richtwerte interpretiert werden. Nichtsdestotrotz weist diese Tabelle den Vorteil auf, das sie erstmals einen internationalen Vergleich ermöglicht. Wichtig ist bei der Interpretation die Unterscheidung zwischen "Personen" und "Haushalten".
Schwarz: Anteil von Vegetarieren (inkl. Pescetarier) in Prozent der Bevölkerung sowie Vegetarier- und Veganer-Haushalte in Prozent aller Haushalte nach Leahy, Lyons und Tol (2010)
Blau: Eigene Hochrechnung des Anteils von Vegetariern und Veganern in Prozent der Bevölkerung basierend auf
Leahy, Lyons und Tol (2010)
Ich ziehe (ähnlich wie Leahy, Lyons und Tol (2010)) folgende Erkenntnisse aus dieser Statistik:
  • Vegetarismus (und Veganismus) ist vor allem ein Phänomen armer Länder. 
  • Wenn arme Länder an Wohlstand gewinnen, reduziert sich oft der Anteil der Vegetarier. Deutlich ist dies in der Tabelle bspw. an Vietnam und Nepal zu sehen. Die Menschen können sich also leisten "nicht Vegetarier sein zu müssen."
  • In reichen Ländern nimmt der Vegetarismus (ohne Fisch) ausgehend von einem niedrigen Niveau zu (in Frankreich von 0,8% der Personen in der Bevölkerung auf 1,2%; in UK von 0,2% auf 1,2%; in den USA von 1,1% auf 2,5%).
  • Veganismus ist in den reichen Ländern ein so seltenes Phänomen, dass die gemessenen Prozentanteile statistisch oft nicht von Null verschieden sind (USA, UK) . Für Deutschland werden gerade mal 0,1% Veganer-Haushalte gemessen, was - falls ein Veganer-Haushalt aus zwei vegan lebenden Menschen bestünde - einer absoluten Zahl von ca. 80.500 Personen entsprechen würde. Da anzunehmen ist, dass Veganer-Haushalte aus weniger als zwei vegan lebenden Menschen bestehen, war die Zahl wohl zumindest 2003 geringer, also irgendwo zwischen 40.000 und 80.000 Personen. Siehe dazu den Wikipedia-Eintrag zu Veganismus.
  • Australien ist gemäß dieser Statistik unter den reichen  Ländern mit 2,9% Veganer-Haushalten an der Spitze.
  • Es gibt eine starke positive Korrelation zwischen den Anteilen der Vegetarier-mit-Fisch-Haushalten, den Vegetarier-ohne-Fisch-Haushalten sowie den Veganer-Haushalten. Die Matrix mit paarweisen Bravais-Pearson-Korrelationskoeffizienten sieht so aus:

Vegetarier-mit-Fisch-Haushalte Vegetarier-ohne-Fisch-Haushalte Veganer-Haushalte
                Vegetarier-mit-Fisch-Haushalte 1,0000

                Vegetarier-ohne-Fisch-Haushalte 0,9205 1,0000
                Veganer-Haushalte 0,9246 0,9337 1,0000
  • Basierend auf der gefundenen stark positiven Korrelation zeigen einfache OLS- und Tobit-Regressionen des Anteils der Veganer-Haushalte auf den Anteil der Vegetarier-Haushalte und einer Konstanten, dass ein Anstieg des Anteils der Vegetarier-Haushalte um einen Prozentpunkt den Anteil der Veganer-Haushalte um ca. 0,4 Prozentpunkte erhöht. Vegetarismus ist also auch statistisch gesehen eine notwendige Bedingung für Veganismus. 

Insgesamt schätzen Leahy, Lyons und Tol (2010), dass knapp 22% der Weltbevölkerung kein Fleisch isst (also mindestens Pescetarier sind). Davon bezeichnen sie jedoch wiederum 95% als "Not-Vegetarier" ("vegetarians of necessity"), da sie in armen Ländern leben und sich somit kein Fleisch leisten können. Dem stehen nur 5% "Wahl-Vegetarier" ("vegetarians of choice") gegenüber, die freiwillig aus ethischen, gesundheitlichen, umweltpolitischen oder sonstigen Gründen auf den Konsum von Fleisch verzichteten.  

Die Zahlen oben suggerieren, dass maximal ein Fünftel der Personen, die kein Fleisch essen auch Veganer sind. In reichen Ländern sind es tendenziell noch weniger. Daraus ergäbe sich, dass um die 4% der Weltbevölkerung vegan lebt - davon nur ein sehr geringer Anteil von weniger als 5% in reichen Ländern. Diese Zahl ist aber nur meine sehr grobe Schätzung aus den vorliegenden Daten.

Wie wird sich die Anzahl der Vegetarier und Veganer gemäß Status-Quo-Prognose weiterentwickeln?

"Status-Quo-Prognose" bedeutet hier, dass angenommen wird, dass Wohlstandsänderungen und Änderungen im durchschnittlichen Bildungsniveau innerhalb eines Landes in der Zukunft die selben Auswirkungen haben werden, wie diese in der Vergangenheit hatten.
Dabei kommen die Autoren in einem weiteren Papier zu einem ernüchternden Ergebnis:
As enrolment in both secondary and tertiary education appears to be increasing over time the level of vegetarianism is expected to rise. However this increase will be counteracted by increasing income levels in less developed countries. Combined with growing populations, the demand for meat is set to rise. As a result, environmental damage from meat production will worsen. (...)
On the whole, it seems likely that the negative association between vegetarianism and income will dominate globally in the medium term, and the incidence of vegetarianism will fall. It is only when national income levels increase beyond a certain level and higher levels of education become widespread that we might expect global vegetarianism to increase.
 
Quelle: Leahy, Lyons, and Tol (2010). National determinants of vegetarianism. ESRI working paper No. 341, S. 9.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Vergangenheit dafür spricht, dass steigender Wohlstand in armen Ländern die Nachfrage nach tierlichen Lebensmitteln in der Zukunft weiter erhöhen wird. Auch weil die Bevölkerung in den armen Ländern zudem wächst, reicht der gegenläufige Effekt steigender Bildung (mit dem Bildungsstand sinkt der Fleischkonsum) gemäß dieser Überlegungen nicht aus, um zu verhindern, dass global betrachtet der Anteil der Vegetarier und wohl auch die absolute Anzahl der Vegetarier sinken wird, d.h. die Nachfrage nach Fleisch (und anderen klimaschädlichen tierlichen Produkten) steigen wird.

Umso wichtiger ist es, dass der Verzicht auf den Konsum tierlicher Lebensmittel als ein klimapolitisches Instrument begriffen wird und darüber - trotz steigendem Wohlstand in Schwellenländern - eine Verhaltensänderung induziert wird. Davon scheint man in Deutschland noch weit entfernt zu sein. Ein erster Schritt in dieser Richtung könnte sein, dass es endlich eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht  aller Lebensmittel als nicht vegetarisch, vegetarisch oder vegan gibt. Eine Petition dafür beim Deutschen Bundestag wartet auf Unterzeichner.